7. Oktober 2020, Kontext: Wochenzeitung Ausg. 497

Am kommenden Wochenende sind am Stuttgarter Nordbahnhof Tage der offenen Tür: Nach dreieinhalb Jahren sind die KünstlerInnen aus ihrem Containerdorf wieder in die Wagenhalle zurückgekehrt. Alle Probleme sind damit noch nicht gelöst.

In der Wagenhalle reiht sich jetzt Atelier an Atelier – die Warteliste ist trotzdem lang.
In der Wagenhalle reiht sich jetzt Atelier an Atelier – die Warteliste ist trotzdem lang.
Manches ist noch gut verpackt, ...
Manches ist noch gut verpackt, ...
... anderes hat schon einen Platz gefunden.
... anderes hat schon einen Platz gefunden.
Requisite des Xciting-Festivals.
Requisite des Xciting-Festivals.
Arbeitsplätze gibt's auch vor der Halle, ...
Arbeitsplätze gibt's auch vor der Halle, ...
... dort lässt's Steffen Osvath rundgehen.
... dort lässt's Steffen Osvath rundgehen.
Moritz Junkermann rostet auch bei Regen nicht.
Moritz Junkermann rostet auch bei Regen nicht.
Kohei Matsunaga malt lieber drinnen. Hier in seiner Ausstellung während des Xciting-Festivals.
Kohei Matsunaga malt lieber drinnen. Hier in seiner Ausstellung während des Xciting-Festivals.

 

Wer sich von der Heilbronner Straße der Wagenhalle nähert, stößt gleich zu Beginn auf ein kleines Stück Brachland. Ein Trampelpfad führt hindurch. Ein gelber Reifen, Stäbe, wimpelartige Schilder an langen Stangen deuten an, dass es sich nicht nur um Wildwuchs handelt, sondern um ein Experimentierfeld. Es ist das „Theatre of the Long Now“, das Theater der ausgedehnten Jetztzeit. Eine Bühne für Bäume, denen man beim Wachsen zusehen kann. Nur braucht das etwas Geduld: Die Aufführungsdauer beträgt hundert Jahre.

„Kulturschutzgebiet“ steht auf einem halboffiziellen Schild. Geplant ist eine Allee vor den Toren der Wagenhalle, die schrittweise länger werden soll: jedes Jahr ein Baum, so wird der Wachstumsprozess erfahrbar. Ein wenig winkt das John-Cage-Orgelprojekt aus Halberstadt herüber, Tempovorschrift „As Slow as Possible“, so langsam wie möglich. Aber natürlich will all dies auch besagen, dass die Künstler das Gebiet am Inneren Nordbahnhof nicht so schnell wieder zu verlassen gedenken: dass sie sich hier dauerhaft einrichten wollen.

Das Theatre of the Long Now ist ein Projekt des Bureau Baubotanik, das sind die Architekten Hannes Schwertfeger und Oliver Storz, die zusammen mit Ferdinand Ludwig vor einigen Jahren das Prinzip des Bauens mit lebenden Bäumen entwickelt haben. Schwertfeger ist froh, dass sie nun nach dreieinhalb Jahren Containerdorf wieder in die Halle zurückkehren konnten. 130 Quadratmeter misst ihr neues Atelier, das ist etwas weniger als früher, aber mehr als doppelt so viel wie zuletzt im Container.

In ihrem Versuchsfeld voll Biobaumaterial: Oliver Storz und Hannes Schwertfeger.  In ihrem Versuchsfeld voll Biobaumaterial: Oliver Storz und Hannes Schwertfeger.
In ihrem Versuchsfeld voll Biobaumaterial: Oliver Storz und Hannes Schwertfeger. In ihrem Versuchsfeld voll Biobaumaterial: Oliver Storz und Hannes Schwertfeger.

Draußen betreute Bäume, drinnen Häuser im Haus

Bureau Baubotanik hat auch schon ein neues Projekt: Es heißt Habitat und beschäftigt sich mit dem Zusammenleben von Mensch, Pflanzen und Tieren. Der Naturschutzverband NABU ist mit an Bord, die Uni Hohenheim wird helfen, die Pflanzen und Tiere zu finden, die gut zusammenpassen. Wenn der Mensch kommt, insbesondere der Architekt, ist für Pflanzen und Tiere oftmals kein Platz mehr. Eine schädliche Entwicklung für alle. Zu erproben, wie es auch anders gehen könnte, wird vielleicht nicht gleich die Welt retten. Aber ohne solche modellhaften Ansätze kann es die dringend benötigten Veränderungen nicht geben.

Zur Wiedereröffnung der Wagenhalle am kommenden Wochenende bieten Storz und Schwertfeger noch einmal ihren Audiowalk an: Vor den Containern stehen Bäume, die von den dort tätigen Künstlerinnen und Künstlern betreut werden. Zwar sind diejenigen, die bisher dort gearbeitet haben, nun in die Halle zurückgezogen. Doch die Container sind schon wieder vermietet. Wer mit seinem Smartphone einen QR-Code scannt, erfährt etwas zu beiden: dem Baum und der KünstlerIn.

Es hat etwas länger gedauert als ursprünglich geplant. Mindestens ein Jahr, hieß es, als die Künstler Anfang 2017 wegen der Sanierung die Wagenhalle verlassen mussten. Eigentlich hat Atelier Brückner, das Büro, das den Umbau geplant hat, den Kostenrahmen von 30 Millionen Euro eingehalten. Bis auf ein kleines, aber wichtiges Detail: Für die Ateliers, die im Haus-in-Haus-Prinzip in die Halle eingebaut werden sollten, hat das Budget nicht gelangt. Also hat der Kunstverein neu verhandelt, eine gemeinnützige GmbH als Träger gegründet und einen Kredit von 1,7 Millionen aufgenommen, um selbst als Bauherr auftreten zu können.

Die große Halle der Wagenhalle.
Die große Halle der Wagenhalle.

Michael Föll, der damalige Kämmerer, hat zugestimmt, dass die Stadt dafür eine Bürgschaft übernimmt und die gGmbH die Ateliers für die ersten 18 Jahre kostenfrei erhält. Dies ist die Frist, innerhalb derer sie den Kredit abzahlen muss, erzählt Robin Bischoff, der in Personalunion als Vorstand des Kunstvereins und der gGmbH fungiert. Die KünstlerInnen zahlen nun eine kostengünstige Miete von 4,50 Euro pro Quadratmeter an die gGmbH, die dieser wiederum erlaubt, den Kredit abzustottern.

Um herauszufinden, wie viel Raum sie benötigen, rief Bischoff KünstlerInnen und einen Architekturstudenten zu einem Workshop zusammen. Die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich: Einige brauchen kaum mehr als ein Zimmer. Ein Fotostudio oder ein Theater-Probenraum benötigen dagegen viel mehr Platz, und 2,50 Meter Deckenhöhe sind zu wenig. Die Gliederpuppe Dundu hat eine ganze Halle in der Halle bekommen. Um alles unter einen Hut zu bekommen, wurden die Ateliers in einer Holz-Modulbauweise erstellt. In acht Blöcken, zweigeschossig, wie eine Stadt mit engen Gassen, stehen sie nun in der Halle.

Hereinspaziert: einstöckiger Atelierraum, bezugsfertig.
Hereinspaziert: einstöckiger Atelierraum, bezugsfertig.

Allerdings musste für diese Bauweise ein neues Brandschutzkonzept her. Drei Monate für die Erarbeitung, drei Monate für die Prüfung: Und schon war wieder ein halbes Jahr um. Im November letzten Jahres eröffnete der neue Projektraum mit einem Theaterstück, einem Musikfestival und einer Ausstellung. Zu Jahresbeginn sollten nun endlich auch die KünstlerInnen einziehen. Dann kam Corona. Alles verschob sich noch einmal um fünf Monate. Den Mietausfall hat die Stadt übernommen.

"Hallo Halle!" mit offenen Ateliers

Einen kompletten Stillstand gab es freilich nicht. Allerdings musste das IBA-Forum der Internationalen Bauausstellung im Mai noch online stattfinden. Doch dann kam nach und nach wieder einiges in Gang, zunächst im Freien: eine Aufführung der Oper, die hier ihr Interimsquartier beziehen will; ein Projekt von fünf Künstlern an der nahe gelegenen Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“; schließlich ein ganzer „Kultursommer im Kulturschutzgebiet“ mit Kinderworkshops, Figurentheater und Führungen durch das Gelände.

Kurz vor der Eröffnung folgte Ende September die zweite Auflage des Xciting-Festivals mit MusikerInnen verschiedenster Genres aus allen Teilen der Welt. Die Amerikanerin Kali Malone spielte Orgel in der Sankt-Georgs-Kirche. Zu einer Art Trance-Dub provozierte Klein, Tochter nigerianischer Eltern aus London, mit blendendem Flashlight, sodass man überhaupt nicht hinsehen konnte. Krönender Abschluss war der Auftritt der außergewöhnlichen Violinistin und Sängerin Ana Kravanja aus Slowenien.

Schon bezogen: die Ateliers von Moritz Junkermann ...
Schon bezogen: die Ateliers von Moritz Junkermann ...

So ein Festival lässt sich allein aus Vereinsmitteln nicht stemmen. Seit 2018 erhält der Kunstverein eine jährliche institutionelle Förderung der Stadt in Höhe von 60.000 Euro. Doch das Geld muss gerecht verteilt werden. Moritz Junkermann und sein Team, die das Festival veranstaltet haben, mussten selber weitere Mittel einwerben. Veranstalten kann jede/r, der oder die Lust hat, sich in einer der offenen Gruppen zu engagieren, die sich um Kunst, Musik, Theater, Film und Stadtentwicklung kümmern. Gelegentlich wird der Projektraum auch vermietet, allerdings nicht wie nebenan im Kulturbetrieb Wagenhalle an Unternehmen zu hohen Preisen, sondern eher im nichtkommerziellen Bereich.

Nun warten am kommenden Wochenende die Ateliers auf neugierige Besucher. Steffen Osvath zum Beispiel hat seine Räume direkt hinter einem der Tore der alten Halle. Er ist bereits im Juli eingezogen und hat sein neues Domizil auf anderthalb Etagen wohnlich eingerichtet. Osvath arbeitet mit alten Fotos, aber auch als Setdesigner für die Bühne und Ausstellungsgestalter. Räume einzurichten ist sozusagen sein Metier, und es sieht bei ihm fast so aus, als wäre er schon immer da.

... und Steffen Osvath.
... und Steffen Osvath.

Alles paletti also? Nicht ganz, denn noch ist die größere Frage nicht beantwortet, wie es auf dem Areal am Inneren Nordbahnhof insgesamt weitergehen soll. Ursprünglich war einmal ein reines Wohngebiet geplant. Dann hat die Wählergruppe der Stadtisten in der Bürgerbeteiligung zum Rosensteinquartier, zu dem das Gebiet gehört, den Gemeinderat überzeugt, insgesamt fünf Hektar für kulturelle Nutzungen zu reservieren.

Projekt und Projektionsfläche bei IBA und "Maker City"

Diese Forderung ging auch in den städtebaulichen Wettbewerb ein, den das Büro asp gewann, das aus dem Gebiet eine „Maker City“ machen will: eine kreative Mischung aus Wohnen und Arbeiten. Zur selben Zeit wurde die Container City der Wagenhallen-Künstler im Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet. Das vielfältig nutzbare Areal sei zu einem Impulsgeber und programmatischen Baustein für das zukünftige Quartier geworden, hieß es in der Begründung. Und auch der Stadtacker, das größte innerstädtische Urban-Gardening-Projekt, gleich im Anschluss an das Containerdorf, hat mehrere Auszeichnungen eingeheimst – vom Verschönerungsverein bis hin zur UN-Dekade biologische Vielfalt.

Dazu kommt: Vor zwei Jahren befand eine von Oberbürgermeister Fritz Kuhn eingesetzte Task Force, dass es für das Opern-Interim während der Sanierung keinen anderen geeigneten Standort gäbe als direkt neben der Wagenhalle. Eine ziemlich komplexe Situation, zu der sich die Wagenhallen-Künstler als direkt Betroffene natürlich ihre eigenen Gedanken machen. Robin Bischoff hat am Rosenstein-Dialog teilgenommen. Kunstverein und Stadtacker haben selbst ein Arbeitspapier entworfen, wie sich das Quartier entwickeln soll.

Es gibt also eine Flächenkonkurrenz, die sich umso stärker bemerkbar macht, je weiter die Entwicklung voranschreitet. Bezahlbare Wohnungen werden dringend benötigt. Die Oper braucht einen Interimsstandort. Aber ebenso fehlen Ateliers für Künstler. Dies war bereits eines der zentralen Themen im Stuttgarter Kulturdialog 2011 bis 2013, und die Situation ist seither nicht viel besser geworden. Obwohl die Container längst wieder vermietet sind, stehen beim Kunstverein Wagenhalle ständig um die 40 KünstlerInnen auf der Warteliste.

Dies alles verlangt nach einer intelligenten Lösung. Und da das allen Beteiligten klar ist, haben die Stadt ebenso wie Kunstverein und Stadtacker sich unabhängig voneinander bei der IBA beworben. Sie sind nun in einem Boot. Und das Bild, mit dem die Bauausstellung das Projekt „Quartier C1 Wagenhallen“ ankündigt, zeigt das Verkehrsschild mit der Aufschrift „Kulturschutzgebiet“ und der Andy-Warhol-Banane, im Hintergrund das Containerdorf. Konkret geht es im November weiter, wenn das Büro asp an die Wagenhalle kommt, um das weitere Vorgehen zu sondieren. Im kommenden Jahr sollen dann weitere, öffentliche Diskussionsrunden folgen.

Mit „Hallo Halle!“ feiert der Kunstverein Wagenhalle e.V. von Freitag, 9. bis Sonntag, 11. Oktober die Wiedereröffnung der Ateliers im Kulturschutzgebiet: am Freitag und Samstag von 14 bis 18 Uhr, am Sonntag von 13 bis 18 Uhr. Mehr Informationen hier.