09.04.2015 / Stuttgarter-Nachrichten / Nikolai B. Forstbauer

Stille Größe

„Die Räume der anderen“ ist die aktuelle Einzelausstellung mit Werken von Peter Holl in der Stuttgarter Galerie Rainer Wehr betitelt. Die Aquarelle zeigen Arbeitsräume – und provozieren in der Abwesenheit ihrer jeweiligen Nutzer als Bühnen aus anderen Zeiten.

Gerne fordert man sie ja ein, die eigene künstlerische Position. Peter Holl, 1971 in Heilbronn geboren, Student einst bei Moritz Baumgartl und Peter Chevalier an der ­Stuttgarter Kunstakademie, glänzte schon früh mit einer solchen. Der junge Maler und das Aquarell – aus dieser zunächst irritierenden Liebesgeschichte, 1997 in der ­Präsentation „Stuttgarter Aufwind“ der Stuttgarter Galerie Wehr (Alexanderstraße 53) ablesbar, wurde bald auch eine Erfolgsgeschichte. Eine solche schließt Irr- und ­Seitenwege mit ein, ebenso die Anforderung, im jeweils gewagten und noch zu wagenden Neuansatz zu überzeugen.

Zeitschriftenmotive übertrug Holl zunächst auf seine großformatigen Papiere, die Doppelbödigkeit von Medienbildern in Perspektivüberlagerungen andeutend. Dann weckten eigen gesehene Menschen und Räume seine Neugier, und zu den schönsten Blättern zählte 2003 „Echo“, das Bildnis eines Jungen im Festsaal des Barockschlosses Herrenchiemsee.

Das Forcieren der Nahaufnahme indes konnte nicht immer überzeugen, und so wurde die Annäherung an den Stadtraum, an ­urbane Figurationen eine durchaus als absichtsvoll zu verstehende neue Herausforderung. „Durchsicht“ hieß entsprechend eine Holl-Schau bei Wehr, die sich ganz auf Stuttgart-Bildwelten konzentrierte. Als ­unbekanntes Wesen trat die Stadt in diesen Blättern auf, Holl präsentierte architektonische Körper, die sich im Gegenspiel von Farbraum und gebauter Figur, von Fläche und Volumen in Szenarien bewusster ­Offenheit verwandeln.

Dem Spiel mit der Realität auf der Spur
Es folgten die Ausstellungen „Nähe im Überblick“ 2011 in der Galerie der Stadt Backnang und „Die Grenzen der Ähnlichkeit“ 2013 in der Rathausgalerie in Aalen. Ist Holl also, wie es die Titel andeuten, weiter dem Spiel mit der Realität auf der Spur, der Frage, was von dieser tatsächlich zu erfassen ist? Jetzt ist Holl zurück bei Wehr, zurück mit neuen Arbeiten, zurück mit einer neuen ­Serie. „Die Räume der anderen“ ist die Schau betitelt, wir sehen Museumsdepots, Werkstätten, Gärtnereien. Arbeitsräume.

Alles ist vorbereitet oder ­bereits wieder geordnet – Nutzer allerdings sind nicht zu entdecken. Wie schon die Architektur in den Stadt-Bildern wird nun der (Arbeits-)Raum selbst zum Körper, zur ­Figuration.

Jacken, die es in sich haben
Zwei große Querformate vor allem überzeugen: das zentral im ersten Raum präsentierte „Museum der Alltagskultur“ (als Blick in dessen Bilderlager) und das den zweiten Raum beherrschende „Arbeitskleidung“ (als Blick auf die sorgsam gereihte Schutzkleidung in einer Gärtnerei). Unterkühlt sind die Farbtöne, durchsichtig fast die Wände des Bilderlagers, gar nicht erst ­existent die Scheiben des Gärtnerei-Gewächshauses. In Reih und Glied gehängt ­sehen wir dort dunkelgrüne ­Arbeitsjacken, darunter Gummistiefel-Paare. Die Jacken haben es in sich – sie schützen die Gärt­nerei-Arbeiter vor den weniger gern gesehenen Kehrseiten der ewig gedeihenden ­Blütenpracht.

Ein vordergründiger Kommentar ist „Arbeitskleidung“ deshalb nicht – so wenig wie „Garne“ als historisierender Mahnruf für den Erhalt genähter Handarbeit zu sehen ist. Holls Dinge und Räume stehen in bestem Sinn für sich selbst. Sein Blick gilt einer ­Momentaufnahme, die doch in fast filmischer Qualität auf Vergangenes wie auf Künftiges verweist. Das darf auch beunruhigen – wie etwa in der Szenerie „Präparatorium“. Wir sehen eine Bühne aus anderer Zeit und ahnen doch, dass es genau diesen Ort in genau dieser Form auch künftig geben wird. Eben dies ist die Kunst von Peter Holl – scheinbar etwas leicht Erkennbares zu zeigen, das doch ein Dazwischen meint und ist.

Bis zum 16. Mai, Stuttgart – Alexander­straße 53, Di bis Fr 14.30 bis 18.30, Sa 11 bis 14 Uhr. Mehr Infos unter www.galerie-rainer-wehr.de

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