12.02.2015 / Stuttgarter-Zeitung / Jörg Nauke

Ratlosigkeit angesichts der Kostenexplosion

Stuttgart – Die Nachricht von der neuerlichen Kostenexplosion bei der Sanierung der Wagenhallen im Inneren Nordbahnhof auf mindestens 30 Millionen Euro und Problemen beim Lärmschutz hat nicht nur die Bürgermeister überrascht (die StZ berichtete), sondern auch die meisten Stadträte. Der Gemeinderat hat 5,5 Millionen Euro bereit gestellt, damit das Tragwerk und der Brandschutz der alten Halle ertüchtigt werden können.

Nach den Erkenntnissen des Hochbauamts liegen die Kosten aber weit darüber. Der Schallschutz ist nun stärker in den Fokus geraten. Der Plan, den Kulturbetrieb Wagenhallen auszuweiten, um Platz für bis zu 2500 Besucher zu bieten, würde einen Gebäuderiegel zum geplanten Wohngebiet erfordern, das zum Stuttgart-21-Projekt „Rosensteinviertel“ gezählt wird. Dieser Riegel könnte die Hoppenlau-Schule sein, deren Standort in Stadtmitte aufgegeben werden könnte. Der Neubau würde etwa 50 Millionen Euro kosten. Im Gemeinderat ist ein Abriss kein Thema, allerdings stellen einige Lokalpolitiker die Zukunft des Veranstaltungsbetriebs in Frage. Noch lässt sich auf Zeit spielen, die Stadträte sollen Ende Februar/Anfang März informiert werden.

Wagenhallenkünstler halten Sanierung für günstiger

Die im Kunstverein zusammengeschlossenen Wagenhallenkünstler sind überzeugt, dass die Sanierung günstiger werde; zumal, wenn man sie auf fünf Jahre strecke und ihr Produktionsbereich nur minimal ausgebaut würde. Der Charakter der Gründerzeit bliebe erhalten. Diese Ansätze seien Teil ihres Zukunftskonzepts, erklärt der Vorstand. Bedauerlicherweise habe die Stadt keine Zeit für ein Gespräch darüber gehabt. Der Vorstand meint, eine Veranstaltungshalle für bis zu 2500 Menschen übersteige die Kapazität der Wagenhallen. Dies wäre „im Herzen eines bald entstehenden Wohnviertels kontraproduktiv“ und führe zu Spannungen mit den künftigen Anwohnern. Die Frage nach der Verlängerung des Veranstaltungsbetriebs sei deshalb gerechtfertigt. Eine bauliche Abgrenzung der Wagenhallen zum künftigen Wohngebiet widerspreche ihrer „Vision der Wagenhallen als kulturellem Motor im Herzen einer neuen Wohnviertels“.

Jürgen Sauer (CDU) kann sich dagegen „den Kulturbetrieb in Stuttgart ohne diesen Veranstaltungsort nur sehr schwer vorstellen“. Die Verwaltung müsse zeitnah erklären, welche baulichen Maßnahmen für einen dauerhaften Betrieb – einschließlich der Veranstaltungshalle – notwendig seien und welches Erscheinungsbild die Hallen haben. Wegen der Brand- und Lärmschutzauflagen sei das Ambiente einer alten Fabrikhalle nicht zu konservieren, hatte die Verwaltung deutlich gemacht.

„Ziel sollte sein, den Veranstaltungsbetrieb dauerhaft zu sichern und möglichst wenig Charme der Hallen aufgeben zu müssen“, so Sauer. Die CDU habe bereits 2014 eine Verlegung der Hoppenlauschule neben die Wagenhallen zur Diskussion gestellt. Grünen-Chef Peter Pätzold will klären, in welcher Größe sich die im Kunstverein organisierten Künstler verwirklichen könnten. Der kommerzielle Kulturbetrieb des Duos Gutbrod/Mellmann müsse hinterfragt werden. Für die Grünen steht außer Frage, dass die Hallen so saniert werden, „dass der Ort weiter mit seiner Geschichte erlebbar bleibt“. Ziel müsse es sein, ohne Lärmriegel auszukommen. Eine weitere Schule widerspreche den Zielen, „hier ein gemischtes Stück Stadt hinzubekommen und keine Monokultur“.

Für SPD genießen Künstler Priorität

Susanne Kletzin (SPD) erinnert daran, dass der Lärm vornehmlich vom Veranstaltungsbetrieb ausgehe. Für die SPD genießen die im Kunstverein organisierten Künstler Priorität. Gutbrod/Mellmann müssten sich notfalls mit einer Kapazität von 500 Besuchern zufrieden geben. „Unsere Zielgruppe sind in erster Linie die Künstler“, sagt auch Hannes Rockenbauch von SÖS-Linke-Plus. Der Veranstaltungsbetrieb sei „viel zu kommerziell“. Um den Künstlern Atelierraum zu verschaffen, bedürfe es keiner kostspieligen Umbauten und keines Lärmschutzriegels. Die Bebauung des Inneren Nordbahnhofs sei unabhängig von Stuttgart 21 zu sehen. „Damit könnte man jetzt schon anfangen“.

Die Liberalen sagen, es stehe ein „langer Beratungsmarathon bevor“. Laut Matthias Oechsner sind provisorische Nutzungen problematisch, wenn sie zur Dauereinrichtung werden und dann alle Vorschriften einzuhalten seien. Er vermutet, dass die Künstler die Wagenhallen nach der Sanierung nicht mehr annehmen würden. „Und wer bleibt und betreibt dann?“ Das müsse vorher geklärt werden, sagt Rose von Stein (Freie Wähler), zumal nach der teuren Sanierung die Mietkosten für die Künstler sicher steigen würden.

„Wir müssen aufpassen, dass aus den Wagenhallen nicht eine Stuttgarter Elbphilharmonie wird“, sagt AfD-Fraktionschef Lothar Maier. Die Aufrüstung nähme den Hallen den Charme, den Schulneubau sieht die Partei kostenkritisch. Da Stuttgart eine mittelgroße Konzerthalle benötige, halte es die AfD für sinnvoller, diese anstelle der angedachten Schlossgartenphilharmonie hinter dem Bonatzbau zu platzieren. Den Wagenhallen solle „unter Verzicht auf Umgestaltung ihre unvergleichliche Atmosphäre erhalten werden, begrenzt auf die schon vorhandene Gastronomie und die Ateliers der Künstler“.

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