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18.06.2017 / Stuttgarter Nachrichten / Tilman Bauer

Zehn Jahre gut gelaunte Subversion

Foto: Tilman Baur

Das Theaterkollektiv „O-Team“ hat im Theater Rampe in Stuttgart-Süd Geburtstag gefeiert – und dabei wie gewohnt und gewollt einige Fragezeichen zurückgelassen. 

 S-Süd – Um 9 Uhr am Freitagabend ist es schließlich soweit. Die mit Spannung erwartete „Angeberperformance“ beginnt: Ein 30 Personen starker Prozessionszug aus schräg verkleideten Schauspielern und Zivilisten setzt sich in Gang und umrundet andächtig das Theater Rampe im Stuttgarter Süden. Angeführt wird er von O-Team-Mitglied Nina Malotta, die mit einem Megafon bewaffnet ist und rätselhafte Texte verliest.

Im Hinterhof des Theaters bildet die Gruppe einen Halbkreis. Malotta bastelt einen riesigen Papierjoint und lässt ihn in der Runde kreisen. Auf dem Höhepunkt des Rituals eilt Produktionsleiter Markus Nießner herbei, legt einen Karton Kataloge in die Mitte des Kreises und verteilt sie unter Applaus in der Runde.

Das Ensemble will intellektuell herausfordern

Die kleinen Büchlein vermitteln einen Eindruck davon, was das O-Team seit seiner informellen Gründung vor zwölf Jahren so alles auf die Beine gestellt hat. „Team Odradek“ hieß es anfangs, angelehnt an den Namen eines Fabelwesens aus einer Kafka-Erzählung. Wie alt das O-Team nun genau sei, das hänge von der Sichtweise ab, erzählt Markus Nießner. Ein bierseliger Abend in Berlin vor zwölf Jahren und die daraus entstandene Freundschaft mit Regisseur Samuel Hof habe die Sache jedenfalls ins Rollen gebracht. Doch erst zwei Jahre später, 2007 also, habe man das erste größere Projekt auf die Beine gestellt, als die Gruppe die Wagenhallen mit der interdisziplinär angelegten Inszenierung „Hermann Schlachten 07“ bespielte.

Während sich das aus einem fünfköpfigen Kern bestehende Kollektiv anfangs auf die dramaturgische Bearbeitung klassischer Stücke und die Zwischennutzung leer stehender Gebäude konzentrierte, stehen in jüngster Zeit Autorenstücke und eher unbekannte Romane im Vordergrund des künstlerischen Schaffens. Drei Aspekte seien ihnen dabei besonders wichtig, sagt Nina Malotta, die neben Regisseur Samuel Hof als einziges Mitglied in Vollzeit fürs O-Team arbeitet: „Wir wollen intellektuell herausfordern, haben an unsere Aufführungen aber auch einen hohen optischen und technischen Anspruch“, so Malotta.

Gute Zusammenarbeit mit der Rampe

Markus Nießner fasst es so zusammen: „Man könnte sagen, dass wir angenehm verstören wollen.“ Angesichts der Szenerie am Freitagabend im Foyer der Rampe ist zu ahnen, was er meint: Da sitzt ein als Jesus Christus verkleideter Mann in einem Raumschiff und schenkt Wodka aus, der mit der aphrodisierenden Clavo-Huaska-Liane angereichert ist. Auf einem kleinen Tisch liegen Kartoffeln und Gemüse herum: „Wollt Ihr nicht ein bisschen mitschnippeln?“, fragt Malotta die Besucher. An der gegenüber des Zahnradbahndepots aufgestellten Garderobe steht Schauspieler Folkert Dücker in Cowboystiefeln, Glitzer-BH und Strohhut und verteilt Kostüme an die Besucher. Vom Ende des Raums dringt der Lärm lauter Schläge: Markus Nießner, weißes Hemd und schwarze Krawatte zur Unterhose tragend, hackt Holz.

Das Theater Rampe haben sich die Künstler nicht zufällig als Ort ihrer Feier ausgesucht. Denn mit dem Avantgardetheater arbeitet das Team, das auch in Berlin, Hamburg und München auftritt, von Anfang an erfolgreich zusammen. Zuletzt mit der Science-Fiction-Dystopie „Raumpatrouille 433“ im vergangenen Jahr, bei der ein digitaler Bordcomputer als Bühne diente. Und obwohl jede Produktion ein finanzieller Drahtseilakt mit ungewissem Ausgang ist, will das O-Team auch in Zukunft seine Mission erfüllen: gute Unterhaltung bieten, die beim Zuschauer immer auch Fragezeichen zurücklässt.