19.07.2018 / Stuttgarter Zeitung / Björn Springorum

Was passiert im Kulturschutzgebiet?

Seit einem Jahr werkeln die Künstler in den Containern, die Wagenhalle ist gerade ein Skelett ohne Dach. Wie geht es eigentlich voran in Stuttgarts Subkultur-Enklave?

Stuttgart – Ende 2016 war erst mal Schicht im Schacht in den Wagenhallen. Der Kulturbetrieb stellte seine Arbeit ein, die Künstler mussten aus ihren Ateliers in eine behelfsmäßige Containerstadt umziehen. Dann rückten die Bagger an: Die Halle musste im großen Stil saniert werden, aus ursprünglich 5,5 Millionen wurden rasch 30 Millionen Euro. Schnell wurden die Rufe laut: Wie soll die Subkultur denn so bestehen können? Was wird aus diesem einzigartigen Ort hier oben mitten im Nirgendwo zwischen Schienendelta und Nordbahnhof

Mittlerweile kann vorsichtig Entwarnung gegeben werden. Und mittlerweile kann auch Robin Bischoff wieder lächeln. Zum Jahresende blickt der Geschäftsführer des Kunstvereins Wagenhalle auf ein rekordverdächtig anstrengendes Jahr zurück. Am 13. Januar setzt OB Fritz Kuhn den ersten Bagger feierlich in Gang, um das gewaltige Sanierungsprojekt der 1890 erbauten Wagenhallen anzustoßen. Entkernung, neues Dach, Anbauten, das ganze Programm. Das klingt in etwa so unbequem wie es anfangs auch war. „Im Winter war die Stimmung wirklich im Keller, weil hier alles voller Matsch war“, blickt Bischoff beim Rundgang durch die Containerstadt zurück. „Und ich meine: Wirklich alles. Die Matschklumpen türmten sich überall, da waren einige schon frustriert.“ Ab Frühjahr, versichert er, ging es mit der neu erwachenden Natur und den steigenden Temperaturen dann aber wieder stark aufwärts.

Längst hat sich auch in dieser temporären Siedlung ein ganz eigener Geist breitgemacht. Überall auf dem Gelände stehen Schilder mit der Aufschrift „Kulturschutzgebiet“, hier tropfen sonderbare Skulpturen im winterlichen Schneeregen, beim Projektraum Taut tüfteln sie an ihrem nächsten Kunstprojekt, dort gackern Hühner in ihrem Gehege, jemand liegt schweißend unter einem alten VW-Bus. Künstler eben, die machen selbst aus einem öden Container-Haufen etwas Besonderes. Auch aus diesem Grund war die ganze Sache mit der Sanierung der Wagenhallen so heikel. Nicht wenige befürchteten nach der Sanierung hohe Mieten und somit das abrupte Ende einer der letzten Künstlerenklaven der Stadt.

Auch so ein Grund, weshalb 2017 für Bischoff und den Kunstverein so anstrengend war. „Die Verhandlungen mit der Stadt bezüglich der Mietkonditionen und Verträge zogen sich von Februar bis April hin“, legt er dar. „Wichtig war uns von Anfang an, dass dieser Ort für die Künstler bezahlbar bleibt.“ Deswegen trägt der Verein auch einen Teil der Kosten mit – möglich gemacht durch einen Kredit, der auf der Bürgschaft der Stadt beruht. „Dadurch“, so Bischoff zufrieden, „können wir eine Überteuerung der Ateliers und eine Vertreibung der Künstler verhindern.“

Ein Erfolg für die Subkultur? Durchaus. Wenn auch nicht grundlos. „Ich glaube, wir haben davon profitiert, dass vieles bei S21 nicht so gut lief. Die Röhre ist weg, der Landespavillon ist weg, das H7 mit dem Rocker ist weg, da bleibt langsam nicht mehr viel, das man erhalten kann.“ Umso erfreulicher, dass der Wert dieses Nährbodens erkannt wurde. „Mir bedeutet dieses kreative Potential hier oben unglaublich viel“, nickt Bischoff begeistert, als er durch die dachlose Wagenhalle wandert. „Das ist nicht nur ein Mehrwert für uns – sondern für die gesamte Stadt. Umso größer ist mein Bedürfnis, mich dafür einzusetzen“, meint er und fügt an: „So etwas wird im politischen Alltag eben schnell mal übersehen.“

Wenn die Sanierung abgeschlossen ist, wird der auch künftig separat von der Wagenhallen GmbH & CO KG betriebene Veranstaltungsbereich 2100 Besucher fassen; der Kunstverein ist dann mit seinen insgesamt 70 Ateliers und einem großen Mehrzweckraum für Veranstaltungen auf etwa 6400 Quadratmetern zuhause, das Tango Ocho auf 450 Quadratmetern. Das im Januar verkündete Ziel, in einem Jahr mit allem fertig zu sein, musste allerdings schnell begraben werden. Im Januar 2018 soll die Halle aber wieder ein Dach bekommen, ansonsten wird es laut Bischoff wie folgt weitergehen: „Ab März geht es mit dem Innenausbau los, bis Mitte 2019 sind dann auch die neuen Ateliers in der Wagenhalle fertig. Druck“, betont er „haben wir nicht, in der Containerstadt läuft ja alles.“ Der Konzertbetrieb in den Wagenhallen soll hingegen schon im Oktober 2018 aufgenommen werden.

15 Jahre werden dann vergangen sein, seit der Kunstverein die Halle vor dem Abriss rettete. „Damals kamen wir gerade von den Waggons“, blickt Bischoff regelrecht versonnen zurück, als er auf dem oberen Treppenabsatz steht und über das Container-Allerlei blickt. Die Sonne kommt hinter den Wolken hervor, taucht alles in winterliches Licht. Es war und ist ein besonderer Ort. Von Anfang an war hier oben klar: Irgendwann braucht die Stadt dieses Gebiet für S21. Doch davon, von dieser temporären Nutzung, vom Gefühl des Flüchtigen, lebte dieser Ort. Jetzt stehen neue Zeiten bevor. Und Bischoff ist zuversichtlich, dass der frühere Charme nicht verlorengehen wird. „Die neuen Ateliers sind lediglich ein wenig besser ausgestattet und vor allem wärmer im Winter“, meint er mit einem gequälten Lächeln.

Für ihn, der sich die letzten drei Jahre nur diesem Projekt gewidmet hat, ist klar: „Es ist ein gelungenes Projekt zwischen der Stadt, dem Kunstverein und den Künstlern.“ Mehr noch seit beschlossen wurde, dass der Kunstverein die nächsten beiden Jahre mit jeweils 60.000 Euro gefördert wird.

Sorgenfalten gab es natürlich auch bei ihm. „Die gibt es ja immer“, meint er. „Aber anstatt weiterhin Sorgen zu haben, haben wir die Sache einfach selbst in die Hand genommen.“ Mit Erfolg: Fast alle Künstler sind auch nach dem Auszug hier oben geblieben – und werden das Areal auch weiterhin mit ihren Visionen, Gedanken und Projekten bespielen. Wozu das bisher alles führte, wird im neuen Katalog „Mehr Hallen Wagen! Der Kunstverein Wagenhalle – Eine Momentaufnahme“ deutlich. Ein Blick auf die Ateliers, Werkstätten, Projekte und Menschen von 2003 bis zum Auszug im Januar 2017. Eine Ära hat zu Beginn des Jahres durchaus ihr Ende gefunden. Die nächste steht jedoch längst vor der Tür.

Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

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