08.07.2020 / Kontext: Wochenzeitung / Dietrich Heißenbütte

Jenseits des Opernhauses

Von Dietrich Heißenbütte, Fotos: Joachim E. Röttgers, Datum:

Während der Saal nicht bespielt werden kann, erprobt die Stuttgarter Staatsoper neue Formate. Und siehe da: Am Hafenkai oder vor der Wagenhalle entsteht in der untergehenden Abendsonne eine magische Atmosphäre, mit der das Opernhaus nicht mithalten kann.

Nachmittags gab es noch Starkregen, wenn auch nicht so stark wie am Vortag. Aber am Samstagabend gegen 19 Uhr ist der Himmel vor der Wagenhalle blau mit einzelnen Schönwetterwolken, die Luft klar und die Sonne immer noch warm. Wer rechtzeitig da ist, kann sich entscheiden, ob er auf den mit Abstand gestellten Stühlen in der Sonne oder im Schatten Platz nehmen will. 50 Zuschauer sind zugelassen.

„Die Geschichte vom Soldaten“ schrieb Igor Strawinsky mit dem Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz gegen Ende des Ersten Weltkriegs. In Russland war Revolution, der Komponist ging nicht zurück. Doch auch in der neutralen Schweiz unterlag das Kulturleben starken Einschränkungen. Eine Parallele zu heute?

Eine Parallele ist jedenfalls, dass bereits Strawinsky das Stück für eine mobile Wanderbühne konzipiert hatte: Ein Bauwagen sollte von Dorf zu Dorf ziehen, so die ursprüngliche Idee, bis die Spanische Grippe dem Plan einen Strich durch die Rechnung machte. Der Stuttgarter Operntruck ist der Planenauflieger (auch Tautliner genannt) eines gemieteten Sattelschleppers. Da Viktor Schoner, Intendant der Staatsoper Stuttgart, großes Interesse hat, mit den Wagenhallen-Künstlern, seinen Nachbarn am künftigen Standort der Interimsoper, zusammenzuarbeiten, wandte er sich Anfang Mai an das Architekturbüro „studio umschichten“.

Drei Wochen für die Gestaltung

„Wir waren schon ein wenig nervös“, bekennt Alper Kazokoglu. Schließlich soll die Oper mit ihren Interimsbauten, ihren 1500 Mitarbeitern und ebenso vielen Gästen bald in die unmittelbare Nachbarschaft der 100 Wagenhallen-Künstler ziehen. Kazokoglu ist seit Anfang 2019 bei „studio umschichten“. Wie die Bürogründer Peter Weigand und Lukasz Lendzinski, der inzwischen in Hamburg weilt, hat er Architektur studiert, war aber mit einem Abschluss in Szenografie prädestiniert, den Operntruck zu gestalten.

Auch Weigand ist angetan. Die Zusammenarbeit mit den Opern-Technikern war gut, an anderen Opern- oder Theaterhäusern hat er ganz andere Erfahrungen gemacht. Freilich blieb nicht viel Zeit. „Es musste alles ganz schnell gehen“, erzählt er, gerade mal drei Wochen standen zur Verfügung. Gemeinsam haben sie das Materiallager des Opernhauses am Hallschlag besichtigt. „studio umschichten“ arbeitet grundsätzlich nur mit Materialien, die anschließend weiterverwendet werden – so genanntes Precycling – oder immer wieder neu zum Einsatz kommen. Bei der Oper wird auch vieles weggeworfen. Neue Spanplatten sind auf Vorrat in den Regalen gestapelt.

Das wichtigste Gestaltungselement der Inszenierung ist die Korrespondenz zwischen der nicht ganz aufgezogenen Plane vorne links, die wie ein Bühnenvorhang wirkt, und dem roten Vorhang rechts hinten, durch den die zwei Tänzerinnen und der Schauspieler die Bühne betreten. Vom vorderen Rand führen mehrere schräge Rampen hinab. Die sieben Musiker*innen sitzen links unter schwarzen Zeltdächern.

Allegorie des Kapitalismus

„Die Geschichte vom Soldaten“ beruht auf einem russischen Märchen. Der Soldat verkauft seine Violine dem Teufel, gegen ein Buch, das ihm erlaubt, in die Zukunft zu sehen. Er wird reich, aber auch gefühllos. Es mag ein Volksmärchen sein, aber es gibt viele Bezüge zur Gegenwart, 1918 wie heute. Ramuz und Strawinsky gehen aus von der Situation der vielen Kriegsheimkehrer und machen daraus eine Allegorie des Kapitalismus. Der Soldat kommt zu Vermögen, weil er weiß, wie sich die Börsenkurse entwickeln. Das Stück erzählt eine einfache Geschichte, den Kommentar dazu liefert die Musik: wenn die Marschrhythmen ins Stolpern geraten oder die betörenden Akkorde der Geige die Zuhörer in Bann halten.

Alexandra Mahnke bietet dazu das adäquate Bild des Soldaten: Mit weiß geschminktem Gesicht, ungelenk ein Bein nachziehend, strammstehend, verzückt an einer Violinen-Attrappe die Kurbel drehend, erinnert sie an eine Stummfilmfigur. Auch Miriam Markl macht ihre Sache als Handlangerin und später Prinzessin gut. Einzig Robert Rožić, der als Erzähler den gereimten Text der deutschen Übersetzung vorträgt und zugleich den Teufel darstellt, übertreibt. Mit Einwürfen wie „Wow, wow, wow, so viel Emotionen!“, Schweizer Dialekt, französischem Akzent und viel Rumgehampel versucht er krampfhaft, zeitgemäß und witzig zu sein, und wirkt doch zumeist nur albern.

Aber das kann dem schönen Abend kaum Abbruch tun, ebenso wenig wie die unvermeidlichen Geräusche von außen, etwa wenn einmal längere Zeit die Kirchenglocken läuten. Während die Sonne langsam tiefer sinkt, verzaubern die Klänge der Musik, und der finale Tanz des Soldaten und der Prinzessin verdichtet sich zu einem außergewöhnlichen Sommererlebnis, dessen Ausgang der Deutung jedes Einzelnen überlassen bleibt und das auf dem Heimweg noch viel Stoff zum Nachdenken bietet.

Was stört ist allenfalls der Zaun. Vielleicht geht es wegen der Abstandsregeln und Platzbeschränkungen nicht anders, aber für die Künstler draußen muss die Aufführung wie ein sperriger Eindringling erscheinen, während die Besucher drinnen von dem Künstlerdorf nichts mitbekommen. Oder liegt es an den Tickets? Kann die Oper, bei einem Etat von mehr als 50 Millionen Euro, nicht auch einmal auf maximal 600 Euro pro Vorstellung verzichten?

Eskapismus am Hafen

Keinen Zaun braucht es am Hafen, wo die Staatsoper „Die Blume von Hawaii“ inszeniert, eine 1931 uraufgeführte Operette, man könnte auch Musical sagen, des damals äußerst erfolgreichen Komponisten Paul Abraham. Es gibt eine Art Pforte, und von selbst kommt hier ohnehin niemand vorbei. Hafen klingt nach Exotik, Aufbruch, Abenteuer, eben den Themen, die in „Die Blume von Hawaii“ angesprochen sind. Der Stuttgarter Hafen wäre dagegen mit dem Wort Binnenschifffahrtsverladestelle treffender charakterisiert. Lange Kolonnen von Lkw parken an den Rändern der Straßen, die prosaische Namen wie „Am Ostkai“ oder „Am Mittelkai“ tragen.

„Ein Paradies am Meeresstrand/ wär‘ das mein Heimatland“: So beginnt die Operette nach einer jazzigen Einführung der sechsköpfigen Band auf einem Schlepper, der links senkrecht an die Kaimauer angedockt hat, während die fünf Darsteller*innen auf einer Bühneninsel stehen, singen, tanzen, sich räkeln. Eigentlich ist die Umgebung alles andere als paradiesisch: der Neckar zum Kanal degradiert, gegenüber die riesigen Kästen von Rhenus Logistics und auch sonst nichts als Beton, Stein und Asphalt. Doch was braucht es mehr als ein paar bunte Hemden und aufblasbare Requisiten, die muntere Musik des Ensembles und die richtige Beleuchtung, um der Fantasie auf die Sprünge zu helfen.

„Die Blume von Hawaii“ ist Eskapismus pur. Der Hauptfigur, der hawaiianischen Prinzessin Laya, kommt Fiorella Hincapié am nächsten. Doch es ist eigentlich gar nicht die Operette von Paul Abraham, die hier zur Aufführung gelangt, sondern eher eine Nummernrevue: Einige der bekanntesten Lieder aus dem Singspiel sind verbunden durch allerhand Amüsantes aus der Kulturgeschichte, meistens zum Thema Hawaii.

Dabei kommt die Entstehung des Hawaii-Toasts ebenso zur Sprache wie der Ursprung des Hawaii-Hemds, und auch die Hawaii-Gitarre darf natürlich nicht fehlen. Einmal lutschen alle fünf ein Capri-Eis, und es ist auf einmal völlig egal, dass der Hawaii-Toast erst aus der Nachkriegszeit stammt. Stand es nicht im Programmheft, die Operette sei „witziger, schneller, anzüglicher, sicher auch oberflächlicher“ gewesen als ihre große Schwester, die Oper, „bevor sie in der Bundesrepublik zu einem Heile-Welt-Kitsch aus der guten alten Zeit verklärt wurde“?

Nach dem Kuss wird sofort desinfiziert

Die Aufführung ist aus den Corona-Einschränkungen geboren. Hände desinfizieren ist Pflicht, aber die Zuschauer dürfen diesmal auch paarweise auf den Paletten Platz nehmen: wenn sie in einem Haushalt leben. Anspielungen finden sich auch im Bühnengeschehen wieder. Bei „Kann nicht küssen ohne Liebe“, seinerzeit ein Top-Seller, küssen sich Matthias Klink und Natalie Karl auf der Bühne. Sofort eilt Moritz Kallenberg mit dem Desinfektionsspray herbei und sprüht, was das Zeug hält. Dabei dürfen die das, denn sie leben in einem Haushalt.

„Unter der Überschrift ‚quick & dirty‘ wollen wir Werke aus der wunderbaren Welt der Operette und des Musicals zeigen“, kündigt die Staatsoper an und macht es sich, wie sie selbst schreibt, „relativ einfach: nicht länger als 90 Minuten, maximal 5 Personen, 14 Tage Proben, 3 Aufführungen, nicht im Opernhaus.“ Ein wenig hapert es noch mit dem ungewohnten Format. 70 Minuten – in diesem Fall – sind zwar schnell vorbei, schneller als ein dreistündiger Opernabend. Aber „quick“, also schnell: Dafür gibt es dann doch manchmal zu lange Kunstpausen. Paul Abraham hätte sich das nicht leisten können. Als er das Stück schrieb, nach der Weltwirtschaftskrise, hungerten die Leute nach Unterhaltung – ähnlich wie junge Menschen heute, die nach drei Monaten Abstandsregeln wieder leben wollen.

Einmal zieht Martin Bruchmann eine Flaschenpost aus dem Neckar. Nach theatralischem Entkorken trägt er die Geschichte von Paul Abraham vor, der nach der Machtergreifung der Nazis über Nacht vom Megastar zum Mr. Nobody wurde. 100 Schlager hatte er nach eigenem Bekunden wöchentlich geschrieben. Im New Yorker Exil dirigierte er verwirrt den Verkehr, und als er 1956 in die BRD zurückkehrte, glaubte er, er sei immer noch dort und stünde kurz vor dem Durchbruch. „Das Paradies mag eine Insel sein“, heißt es am Schluss, „die Hölle ist es auch.“

Ein Korrespondent der New York Times ist aus München angereist. Es gebe nicht viele Opernhäuser, die so kreativ mit den Einschränkungen umgehen wie in Stuttgart, meint er. Eine Zuschauerin möchte von den zwei Journalisten wissen, für welche Zeitungen sie tätig sind. „Sie müssen unbedingt schreiben“, insistiert sie, „wie toll das ist, dass die Oper endlich auch einmal an solche Orte kommt.“

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