01.03.2015 / Stuttgarter-Nachrichten / Silvia Dittinger

Eine Mülltonne als Elektro-Rikscha

Das gemeinnützige Unternehmen Performance Electrics gGmbH hat seinen Sitz in den Wagenhallen am Nordbahnhof. Dort tüftelt es an Kunstobjekten, die nicht nur was fürs Auge sind, sondern vor allem Strom produzieren. Dieser kann auch von Privathaushalten bezogen werden.

Bild: Der Künstler Pablo Wendel will mit seinem Unternehmen Performance Electrics dafür sorgen, dass Kunst aus der Steckdose kommt / Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart – An der Autobahn 40 in Nordrhein-Westfalen waren diesen Sommer Windräder der besonderen Art zu sehen. Die Flügel bestanden aus Straßenpfosten, die an einem orangefarbenen Warnkegel und einem Laternenmast der Bahn festgemacht waren. Nach hinten weg ragte ein „Vorfahrt achten“-Schild. Gebaut wurden sie vom Stuttgarter Stromlieferanten Performance Electrics. „Es waren keine Windräder, sondern Windskulpturen“, sagt Geschäftsführer Pablo Wendel. Jede dieser Windskulpturen hat eine Leistung von 2,5 Kilowatt. Das deckt den Jahresverbrauch eines Zweipersonenhaushaltes.

Seit dem Jahr 2012 bauen Performance Electrics aus nicht mehr benötigten Alltagsgegenständen Kunstobjekte, die Strom erzeugen. Vor drei Jahren hat sich der Künstler Pablo Wendel überlegt, wie er energetisch autonom arbeiten könnte. Sein Interesse an Naturwissenschaften brachte ihn schließlich auf die Idee, aus Kunstwerken Strom zu gewinnen. Damit das funktioniert, arbeiten teilweise bis zu 100 Leute an der Realisierung eines Projektes.

„Wir haben ständig neue Ideen, was wir als Nächstes machen könnten“, erzählt Wendel. Diese umzusetzen ist aber gar nicht so einfach. Neben dem künstlerischen Aspekt müssen vor allem technische und statische Komponenten beachtet werden.

In den letzten Jahren entstanden so neben den Windskulpturen Elektro-Rikschas aus Müllcontainern und kleine Elektrotankstellen aus Mülleimern. Ihr aktuellstes Projekt ist zurzeit in der Arnulf-Klett-Passage beim Hauptbahnhof ausgestellt. Die Skulptur „PV-Guerilla“ besteht aus einem zerlegten Hochspannungsmast und Fotovoltaikmodulen. Letztere stammen aus dem Raum Reutlingen und haben durch das starke Unwetter im Sommer 2013 einen Hagelschaden ­erlitten.

„Die Anlagen haben eine Leistungsfähigkeit von 80 bis 100 Prozent“, sagt Pablo Wendel. Für knapp neun Euro im Monat könnte sich jeder eine solche Skulptur mieten und im eigenen Garten aufstellen. Mit Hilfe eines Modulwechselrichters wird der produzierte Strom auf Netzspannung gebracht und direkt über die heimische Steckdose ins Stromnetz eingespeist. Aktuell beliefert Performance Electrics vier Privathaushalte, die Kunsthalle Göppingen und andere öffentliche Gebäude mit ihrem Strom. „Für eine ganze Stadt reicht es leider noch nicht“, sagt der 34-jährige Geschäftsführer.

Für einen Wechsel zum Kunststrom müssen Neukunden nur ihre Zählernummer und den Zählerstand bei Performance Electrics angeben. Um alles Weitere kümmern diese sich dann. Da sie ein gemeinnütziges Unternehmen sind, fließen alle Gewinne in die Produktion neuer Projekte. Und diese sind teuer. Ohne ein großes Netzwerk an Sponsoren und Förderern könnten sie ihren Kunststrom nicht herstellen.

Obwohl ihr Konzept stark mit dem Thema ökologische Effizienz verknüpft ist, wollen sie keine „reine Ökobewegung“ sein. „Wir wollen mit unseren Projekten die Frage anregen, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen soll und wie wir Dinge transformieren können“, sagt Wendel. Ihm als Künstler gefällt die Vorstellung, dass hinter jedem Lichtschalter ein Kunstobjekt hängt und somit jedem seiner Stromkunden ein Licht aufgeht.

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