Foto: Ferdinando Iannone

02.03.2019 / Badische Neueste Nachrichten / Michael Hübl

Ein Ort mit Zukunftspotenzial

Außergewöhnlich: Das „Kulturschutzgebiet Wagenhalle“ in Stuttgart

Die Spitze leuchtet. Und auch sonst hebt sich der Mast deutlich vom nächtlichen Dunkel ab. „Die Stuttgarter sollen sehen, dass es das hier gibt“, sagt Clair Bötschi. Auf seiner Visitenkarte steht „Assistenz der Geschäftsleitung“. Die liegt bei Pablo Wendel, Absolvent der Stuttgarter Kunstakademie. Studiert hat er unter anderem bei dem in Ettlingen ansässigen Bildhauer Werner Pokorny, internationale Aufmerksamkeit erregte er 2006, als er sich unter die berühmte Terracotta-Armee im chinesischen Xian mischte. Umkleidet von einem täuschend echten Kostüm stand Wendel regungslos zwischen den Ton-Soldaten, bis er entdeckt wurde. Die Grenzen des Machbaren auszuloten, ist fester Teil seiner künstlerischen Praxis. So kam auch der Hochspannungsmast in die Landeshauptstadt: Erworben in Belgien, aufgestellt im „Kulturschutzgebiet Wagenhalle“.

Entstanden als Provisorium wird das Gebiet mitsamt seinen Akteuren inzwischen mit Auszeichnungen bedacht: 2018 wurde dem „Kulturschutzgebiet“ im Rahmen des Deutschen Städtebaupreises von der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung eine Belobigung ausgesprochen; eine ähnliche Auszeichnung vergab die Jury des italienischen Städtebau-Preises RIUSO_06.

Seinen Ursprung hat das Stuttgarter Projekt in der Ateliernot, wie sie nicht zuletzt Karlsruhe zur Genüge kennt. Wie in Karlsruhe, wo hinter dem Hauptbahnhof bis vor zwei Jahren eine Künstlerkolonie existierte, schien auch in Stuttgart die Rettung von der Deutschen Bahn zu kommen. Eine Wageninstandsetzungshalle wurde nicht mehr gebraucht, die Stadt erwarb sie (das war 2003) und vermietete dort Atelierräume. Rund 100 Künstlerinnen und Künstler aller Sparten richteten ihre Werkstätten, Studios oder Proberäume ein. Bis 2014 der Brandschutz das Gebäude unter die Lupe nahm. Der Befund: Feuerschutzwiderstandsklasse
F 0. „Da geht nicht mal mehr die Feuerwehr rein,“ sagt Sylvia Winkler. Sie und die anderen mussten ihre Arbeitsplätze aufgeben.

Winkler ist Künstlerin und Mitglied im Vorstand des „Kunstvereins Wagenhalle“. Mit dem schloss die Stadt eine Vereinbarung: Das ehemalige Ausbesserungswerk wird so saniert, dass es sich wieder für Ateliers nutzen lässt. Sogar ein Anbau mit weiteren Atelierräumen kommt dazu. Finanziert wird das Ganze weitgehend über ein Darlehen, für das die Stadt die Bürgschaft übernimmt und das der Verein über die Jahre abbezahlen soll. Zur Überbrückung der atelierlosen Zeit stellt die Stadt außerdem den Betroffenen das Nachbargelände zur Verfügung, legt sogar Strom und Wasser, damit sie dort provisorische Werkstätten errichten können.

Das Abkommen führte zu einem Kreativitätsschub. „Die Herausforderung hat uns extrem zusammengeschweißt,“ erklärt Winkler. Tatsächlich ist ein Areal entstanden mit unterschiedlichsten Aktivitäten in Sachen bildende Kunst, Musik, Architektur, im Urban Gardening und auf anderen Gebieten. So erproben etwa Hannes Schwertfeger und Oliver Storz mit ihrem Bureau Baubotanik Möglichkeiten, mit Hilfe von Pflanzen Räume zu schaffen, Moritz Finkbeinern veranstaltet Konzerte mit Bands wie Mosquito.Ego, die abseits des Mainstream agieren, und der Figurenspieler Oliver Köhler erprobt seine neuen theatralen Erfindungen. Bildhauer wie Thomas Putze oder Stefan Rohrer sind hier ebenso tätig wie die Regisseurin Andrea Roggon, die unter anderem den Film „Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort“ (2015) herausgebracht hat. Sogar eine Art Mini-Bauernhof findet sich – die Rosensteinalm, errichtet von Gabriela Oberkofler. Deren Zeichnungen gehören zum Spannendsten, was derzeit in dieser Kunstgattung hervorgebracht wird. Ihr Thema ist die Natur. Aber sie beschränkt sich nicht darauf, filigrane Bilder von Pflanzen, Vögeln oder biologischen Prozessen zu Papier zu bringen, die Künstlerin verfolgt einen umfassenden Ansatz, der unter anderem auch die Pflege alter Pflanzensorten miteinschließt.

Diese interdisziplinäre Offenheit macht das Besondere des „Kulturschutzgebiets“ aus. Zwar sollen im Laufe des Jahres der Atelierneubau und die sanierte Wagenhalle bezogen werden. Die Künstler und ihre Unterstützer plädieren gleichwohl für den Erhalt des Geländes. Immerhin ist hier etwas Einzigartiges entstanden, das trotz aller bunten Individualismen eine klare Struktur besitzt, wie Robin Bischoff betont. Er ist der Vorsitzende des Kunstvereins Wagenhalle und Geschäftsführer der Kunstverein Wagenhalle Verwaltungs-gGmbH, die beim Amtsgericht Stuttgart unter der Handelsregister-Nummer HRB 762420 geführt wird. Bischoff kümmert sich um die Finanzen, sorgt dafür, dass elementare Funktionen wie eine Feuerwehrzufahrt bei der Planung berücksichtigt werden, und führt als Vertreter des Kollektivs Gespräche mit der Stadtpolitik.

Die scheinen dringender denn je. Auf der Suche nach einem Ausweichquartier für die Stuttgarter Oper, deren Traditionsgebäude am Schlossplatz ertüchtigt werden muss, ist man auf das Areal beim Nordbahnhof gestoßen. Ein Opern-Provisorium wäre das Aus für das „Kulturschutzgebiet“. Dabei hat der Ort Zukunftspotenzial. Auch beim Bauhaus, dessen Gründung derzeit allenthalben gefeiert wird, war zunächst nicht absehbar, welche Bedeutung es einmal erlangen sollte. Aus seinem Geist entstand 1927 die Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Auf die berufen sich die Künstler, die sich als Pioniere verstehen: „Wir wollen Weißenhof 4.0 sein.“

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